Kletterschule: interaktiv klettern lernen

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Sicher Klettern lernen

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    4.   Das Klettern im Vorstieg

Klettern im VorstiegNicht ohne Grund sagen manche zum Vorstieg auch das “Klettern am scharfen Ende des Seiles”. Anders als beim Klettern im Toprope oder beim Nachsteigen beschränkt sich beim Vorsteigen die Kletterei nun nicht mehr nur auf die körperliche Herausforderung. Als entscheidende zusätzliche Komponente kommt kommt der psychologische Aspekt hinzu. Da beim Vorstieg stets ein gewisses Risiko eines Sturzes besteht, ist die Adrenalin Ausschüttung hierbei ungleich größer.Vorstieg mit weiten Hakenabständen
Eine Route im Vorstieg zu begehen ist ein wesentlich größeres und nachhaltigeres Erlebnis als mit Seilsicherung von oben, gilt es doch hierbei sich in einem viel höheren Maße mit den Bewegungsabläufen und der Absicherung auseinanderzusetzen. Stellt man sich dieser Herausforderung, stellt sich bei Erfolg ein bislang ungeahntes Zufriedenheitserlebnis ein.
Trotz dieser verlockenden Herausforderung sollte man nicht blindlings in irgendeine eine Route einstiegen, der man vielleicht gar nicht gewachsen ist. Angst ist im Vorstieg zwar eher hinderlich, aber den nötigen Respekt vor dem Berg sollte man zum eigenen Schutze niemals verlieren.

Themen:
4.1   AusrĂĽstung fĂĽr das Klettern im Vorstieg
4.
2   Partnercheck
4.
3   Seilkommandos
4.
4   Seilverlauf
4.
5   Sturz

    4.1         AusrĂĽstung fĂĽr das Klettern im Vorstieg

Neben der beim Topropeklettern gebräuchlichen Ausrüstung ist beim Klettern im Vorstieg zusätzliche Ausrüstung erforderlich. Der Umfang zusätzlicher Ausrüstung ist hierbei von der Ausstattung der Route, den natürlichen Vorgaben des Felsens (Felsstruktur) und schließlich von der persönlichen Vorstellung einer optimalen Absicherung abhängig.
Während man sich in den meisten Kletterhallen kaum Gedanken zu machen braucht, wie viel Ausrüstung man zusätzlich benötigt, desto wichtiger ist dies am natürlichen Fels. Zunächst sollte man sich ein Bild darüber verschaffen, mit wie viele vorgegebene Fixpunkte (z.B. Bohrhaken) eine Route ausgestattet ist. Kann man dies vom Einstieg noch nicht erkennen, so gibt einem häufig der Kletterführer (das Klettertopo) hinreichende Informationen. Sollte eine Route für den persönlichen Geschmack über zu wenige Haken verfügen, kann man sich überlegen, ob man eventuell weitere Zwischensicherungen in Form von Keilen oder Friends anbringen und so die potentielle Sturzhöhe minimieren kann.

Entsprechend der Anzahl vorgegebener und eingeplanter selbst angebrachter Fixpunkte gilt es eine ausreichende Menge an Express-Schlingen für jeden angenommenen Fixpunkt mitzunehmen (Tipp: lieber eine zuviel wie zu wenig). Wenn man vor hat Keile und Friends anzubringen, so sei hiermit angeraten nur jeweils einen kompletten Satz (alle verfügbaren Größen) mitzunehmen. Je nach Gestein ist auch ein gewisse Anzahl an Rundschlingen empfehlenswert (z.B. für Köpfelschlingen und Sanduhren).

In der Regel befindet sich am Ende der Route ein mehr oder weniger solider Umlenkhaken. Zur Installation eines Toprope sollte man darĂĽber hinaus noch ein bis zwei Schraubkarabiner dabei haben.

Für den Fall, dass man die Route noch vor Erreichen des Umlenkhakens abbrechen muss, ist die Mitnahme eines Abseilachters sinnvoll. Wenn es der höchste erreichte Haken zulässt, wird an diesem „umgebaut“, d.h. bringt eine Selbstsicherung an, bindet sich aus dem Seil aus, fädelt es durch den Haken durch und seilt schließlich daran ab. Ist der Haken für eine solche Umbau-Aktion zu klein (z.B. alte Bohrhakenlasche) so hat sich als praktisch erwiesen stets einen alten Karabiner dabeizuhaben, den man in diesen Haken einhängt und sich dann ablässt. Der Karabiner bleibt hierbei leider zurück.

WARNUNG: Niemals an einem alten, geschlagenen Normalhaken abbauen, zu groĂź ist das Risiko, dass dieser ausbricht.

Partnercheck

4.2         Partnercheck

 

Wenn man dann all seine für den Vorstieg benötigte Ausrüstung an den Materialschlaufen des Klettergurtes angebracht hat, sollte man vor´m Einsteigen in die Kletterroute eines niemals vergessen: den Partnercheck.

Nachdem man an sich zunächst selbst kontrolliert hat, ob der Gurt korrekt geschlossen ist und man korrekt ins Seil eingebunden ist (es ist tatsächlich schon öfters vorgekommen, dass sich der Vorsteiger vergessen hat sich korrekt in das Seil einzubinden und dieses dann auf halber Höhe der Route dann verloren hat), prüft man am Sicherungspartner, ob auch dieser seinen Gurt ordnungsgemäß geschlossen hat und das Seil je nach bevorzugter Sicherungsmethode richtig gehandhabt wird. Dasselbe macht der Sichernde entsprechend am Kletterpartner.

Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Großzahl der Kletterunfälle auf Leichtsinnsfehler zurückzuführen sind und durch einen Partnercheck vermeidbar gewesen wären.

Also, Leute, nehmt´s Euch die Zeit und macht´s den Partnercheck.

Auch ist es nicht schlecht, mal einen Blick zur Seilschaft nebenan zu werfen und diese gegebenenfalls auf eine Nachlässigkeit hinzuweisen.

 

Checkliste Partnercheck:

 

  1. Gurt richtig geschlossen ?
  2. Richtig ins Seil eingebunden ?
  3. Korrekte Handhabung des Sicherungsgeräts ?

 

 

4.3 Seilkommandos

 

Entscheidend für eine unmissverständliche Kommunikation zwischen dem Kletterer und dem Sichernden sind eindeutige Seilkommandos. Diese müssen laut und deutlich, kurz und prägnant sein.

 

Hier die Seilkommandos:   Kletterer - Sichernder                   

 

Seil -  Der Sichernde soll mehr Seil ausgeben

Seil ein -  der Sichernde soll Seil einholen

Mitte -  Mitteilung an den Vorsteiger, dass die Seilmitte soeben die Partnersicherung passiert hat und nun weniger als die Hälfte des Seiles zur VerfĂĽgung steht. „Point-of-no-return“-Situation

Noch …Meter -  Hinweis an den Vorsteiger, dass diesem noch …Meter Seil zur VerfĂĽgung stehen. Der Vorsteigersollte sich nun innerhalb dieser Strecke einen geeigneten Standplatz suchen.

Stein -  kein Seilkommando, aber trotzdem der wichtigste Hinweis beim Klettern

Stand  -  der Vorsteiger hat einen geeigneten Standplatz erreicht und sich selbst gesichert

 

Weitere Seilkommandos im Kapitel 8 „Klettern in Seilschaft“ 

 

 

Befinden sich mehrere Seilschaften gleichzeitig an einem Felsen oder gar in einer Route ist es sinnvoll, vor dem Seilkommando noch den Namen des Kletterpartners zu rufen, z.B. „Rudi, Seil ein !“ damit Rudi auch wirklich nur dann Seil einholen muss, wenn es ihm sein Kletterpartner anweist.

 

 

4.4          Seilverlauf

 

Bereits im Kapitel 4.1 haben wir die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände beim Klettern im Vorstieg angesprochen. Am wichtigsten ist hierbei wahrscheinlich die Express-Schlinge. Sie ist notwendig, um einen weitestgehend begradigten Seilverlauf zu ermöglichen. Würden statt Ihrer nur einzelne Karabiner, durch die dann das Seil verläuft, in die Fixpunkte eingehängt werden, so würden nicht nur recht häufig Klemmkeile wieder aus dem Riss „herausgeschaukelt“ werden und Friends in Risse hineinwandern (Kap. 2.2), sondern das Seil hätte schon bei geringem Zick-Zack-Verlauf eine solche Seilreibung, dass es unter Umständen bereits in 20 oder 30 m Höhe unmöglich weiter am Seil vorzusteigen. (starker Seilzug, u.U. bis 30, 40 kg !). U.U. kann es erforderlich sein, dass die Länge einer Express-Schlinge einen ausreichend begradigten Seilverlauf nicht gewährleistet. Längere Express-Schlingen sind nötig oder eine mehr oder weniger lange Bandschlinge, die in den Fixpunkt eingehängt wird.

Nachdem man sich für die geeignete Partnersicherung entschieden hat (Kap. 3), gilt zu beachten, dass gerade im Vorstieg so wenig Seil ausgegeben wird wie möglich, um die Sturzhöhe gering zu halten, aber so viel Seil wie nötig, so dass der Vorsteiger keinesfalls einen Seilzug bekommt – ein Seilzug könnte den Vorsteiger aus dem Gleichgewicht und somit zum Sturze bringen.

 

 

4.5  Sturz

 

In jeder Phase des Vorstiegs sollte der Sichernde dem Vorsteiger seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, insbesondere auf den ersten Metern einer Route (bis zum 4. Haken). Dieser Bereich ist besonders kritisch, da hier bei einem Sturz noch die Gefahr eines Grounders (Sturz auf den Boden) oder der Zusammenstoß des Kletterers mit dem Sichernden besteht. Ein ebenso kritischer Bereich ist eine senkrechte Wandpartie unmittelbar über der Kante eines Dachbereiches (Anprall an die Dachkante) oder beim Überklettern eines Absatzes (beim Sturz Aufkommen mit den Füßen und anschließend ggf. Überschlag. Aber auch ganz im Allgemeinen bei sehr großen Hakenabständen (Runout). Sollte es in einem dieser Bereiche zu einem Sturz kommen so muss der Sichernde so knapp sichern, bzw. so viel Seil ausgeben, dass für den Stürzenden eine freie Sturzbahn gewährleistet ist.

Es ist zu beachten, dass es im Prinzip jederzeit zu einem Sturz kommen kann, beispielsweise durch Griffausbruch oder Drehen eines Griffes in der Kletterhalle. Gerade in Kletterhallen ist es geradezu unglaublich wie wenige Unfälle sich effektiv ereignen, angesichts der Gleichgültigkeit die manche Sichernde an den Tag legen. (Schlappseil, Unaufmerksamkeit, falsch Bedienung des Sicherungsgerätes…).

Zeichnet sich ein Sturz ab, so muss sich der Sichernde auf den entstehenden Sturzzug einstellen, für einen möglichst freien Sturzverlauf sorgen und gleichzeitig den Sturz weich genug abfangen. Grundsatz: So dynamisch wie möglich, so knapp wie nötig, dass es zu keinem Anprall an den Fels, Bodensturz oder Kollision mit dem Sichernden kommen kann.

Eine Dynamik beim Fangstoß wird zum einen durch die Wahl des geeigneten Sicherungsgerätes (GriGri: keine Dynamik, Tube:hohe Dynamik) beeinflusst, aber auch durch ein entsprechendes Sicherungsverhalten. Ist der Sichernde schwergewichtig, der Stürzende hingegen leicht, so hat der Sichernde durch Nachgeben des Seiles beim Sturzzug für Dynamik zu sorgen. Dies erreicht er auch indem er vor dem Sturz leicht in die Knie geht und diese beim Sturzzug wieder streckt also so dem Sturz „entgegenspringt“ (nicht zu früh entgegen springen, da sonst der Effekt ins Gegenteil gekehrt wird. Auch sollte bei einem solchen Verhältnis des Körpergewichtes ein möglichst dynamisches Sicherungsgerät verwendet werden (z.B. Tube). Werden diese Grundsätze des dynamischen Sicherns hier nicht berücksichtigt, so wird der Fangstoss für den leichten Kletterer unangenehm hart.

Umgekehrt verhält es sich, wenn der Sichernde leichter ist als der Vorsteiger: es darf hierbei auch gerne eine Sicherungsmethode mit einer größeren Bremswirkung gewählt werden (z.B. HMS), da das niedrige (Gegen-)Gewicht des Sichernden schon an sich dynamisch genug auf den Fangstoß des Stürzenden einwirkt. Fatal wäre hier ein Entgegenspringen des Sichernden im Moment des Sturzzuges, da der oben beschriebene Effekt dann ins Gegenteil gekehrt wird.